Rafik Schami – Die dunkle Seite der Liebe

Beschreibung
Ein grandioses Panorama Syriens – und eine schillernde Erzählung von Liebe, Hass, Unterdrückung und Leidenschaft.
Rafik Schami erzählt in tausend Facetten die Geschichte einer tiefen Liebe, den eskalierenden Wahnsinn von Hass und Gewalt und die akute Bedrohung für den, der sich dem Diktat der Sippe nicht beugt. Zugleich schildert er in poetischen Geschichten aus drei Generationen vom Mut der Liebenden, denen der Tod droht und die dennoch die Unterdrückung ihrer Leidenschaft nicht zulassen wollen.

Sprecher
Markus Hoffmann, Andrea Hörnke-Trieß, Rafik Schami

Länge
1600 Minuten

Meine Meinung
Dieses Buch ist ein wirklich anderes Buch. Sehr anschaulich, teilweise lustig, meist aber erschreckend erfährt man die Gepflogenheiten eines uns doch sehr fremden Landes – Syrien. Die Sprache ist einerseits wunderschön, dann wieder völlig gängig, aber immer absolut glaubhaft und den entsprechenden Szenen angepasst. Dieses Buch erzählt so viel, das kann man gar nicht kurz beschreiben! Zum Einen geht es um zwei Clans, die zerstritten sind und alles daran setzen, dem anderen Clan aufs Übelste mitzuspielen. Dann natürlich um die nicht genehmigte Liebe, wenn sich z. B. Muslime und Christen lieben, um die daraus resultierenden verheerenden Folgen bis zum Mord und um den ungebrochenen Willen, um diese Liebe zu  kämpfen, egal wie hart die Strafen oder die Folgen auch sein mögen.

Im zweiten Teil des Buches hatte ich aber schwer mit mir zu kämpfen, durchzuhalten. Denn die Geschichte wurde immer düsterer, immer schlimmere Dinge ereilten die Protagonisten, stellenweise emfpand ich das als schwer zu ertragen. Jedoch dachte ich mir dann: du hörst das nur, du erlebst es ja nicht am eigenen Leib – also stell‘ dich nicht so an! Denn die Geschichten die Rafik Schami hier erzählt, sind ja durchaus nicht aus der Luft gegriffen, sondern resultieren aus fundierter Recherche. Was das Ganze natürlich wirklich sehr, sehr erschreckend werden lässt. Zum Schluss hin endet das Buch aber ein Glück mit einem Happy End! Das fand ich sehr gut – denn ohne hätte Schami den Hörer einfach nicht zurück lassen dürfen.

Insgesamt war mir dieses Buch mit seinen über 26 1/2 Stunden etwas zu lange. Ich bin nicht so der Fan von solchen Mammutwerken. Und meiner Meinung nach hätte man viele Fabeln und „Geschichten in den Geschichten“ herauslassen können. Aber nichtsdestotrotz bin ich froh, dass ich durchgehalten habe. Denn es ist wirklich ein Buch mit Tiefgang, wie man es nur selten in der heutigen Literatur erlebt. Und eines dachte ich während des Buches immer wieder: was bin ich froh, dass ich eine Deutsche bin und in Deutschland lebe!

Auch die Sprecher waren sehr gut gewählt. Wobei der Hauptsprecher Markus Hoffmann hier ganz besonders hervorgehoben werden muss. Das war ganz großes Kino, wie er dieses Buch las.

Was dem Buch dann nochmals das i-Tüpfelchen aufsetzte war das Schlusswort von Rafik Schami persönlich gesprochen. Doch, also dieses Buch werde ich wohl so schnell nicht mehr vergessen!

Fazit: absolut empfehlenswert

Siehe auch:

Weitere Informationen:

Interview zum Hörbuch mit Rafik Schami – Quelle: www.sprechendebuecher.de

Was ist für Sie das Besondere an dem Hörbuch?

Rafik Schami: Das kommt meiner Kultur viel näher. Ich komme ja aus einer mündlichen Erzählkultur, daher lese ich meine Bücher nie vor, sondern ich erzähle sie frei. Das ist ja das, was mir in diesem Land einen Namen gemacht hat, dass ich immer frei erzähle. Das Hörbuch kommt meiner Kultur viel näher, die der mündlichen Erzählkultur entstammt, als das Gedruckte. Das Gedruckte hat in Syrien wenig Platz, zumal bis heute über 50 % der Bevölkerung Analphabeten sind, aber Analphabeten mit sensiblen Ohren! Und daher ist das Hörbuch sehr nah an mir.

Was bedeutet es Ihnen, selbst darin stimmlich mitzuwirken?

R.S.: Das verleiht dem Ganzen meiner Ansicht nach eine gewisse Glaubwürdigkeit. Das Kapitel, das ich spreche, fungiert als Aus- oder Einführung des Autors in das Geschehen, ganz wie Sie wollen. Niemand kann das Ganze besser sprechen, als derjenige, der es gedacht hat! Das ist das Eine, das Andere ist auch eine bestimmte Haltung dazu. Ich bürge mit meiner Stimme für dieses Werk. Ich garantiere mit meiner Stimme für die Qualität für dieses Hörbuch von Steinbach sprechende Bücher. Das würde ich nicht mit jedem Werk machen, ich muss selbst von der Qualität überzeugt sein.

Wo haben Sie diese Tradition des Geschichten Erzählens gelernt? Gab es da Vorbilder in Ihrer Familie oder in Ihrem Umkreis?

R.S: In meiner Familie weniger, aber ich komme wie gesagt aus einer Kultur, die das Erzählen sehr begehrt. Das Geschichten erzählen hatte nichts mit Moralpredigten oder Mahnungen zu tun, sondern es bedeutete Spannung, Geschichten, die Männer zum Weinen brachten. Die Erwachsenen wurden ganz still und so lernte man auch als Kind, still zu sein und zuzuhören. So habe ich selbst das Geschichten erzählen gelernt. Ich habe als Kind gesehen: Wenn du Geschichten erzählst, schenken dir die Leute Zeit. Aber mit diesem Geschenk muss man vorsichtig umgehen. Diese Zeit ist eine wertvolle Sache, die man nie mehr ersetzen kann. Du darfst den Leuten nicht ihre Zeit rauben, um ihnen Langeweile zu geben. Das ist das erste Prinzip: Wenn die Leute dir Zeit schenken, dann gib ihnen etwas zurück! Was könnte das sein? Ein Juwel, eine Weisheit, eine spannende Geschichte, ein Lachen.

Und diese Tradition in Syrien besteht heute genau so wie damals, zu Zeiten Ihrer Kindheit?

R.S: Nein, das ist nicht so, denn kein Land ist eine Insel. Die visuelle Welt erobert alle Ecken der Erde, alle ihre Winkel, so zum Beispiel mit Fernsehprogrammen. In Damaskus empfängt man heute per Satellit 90 Programme! Auch in Damaskus wird stumm vor dem Fernseher gesessen und gelauscht. Aber es bleibt immer eine Nische zuzuhören, weil Vieles durch das Auge allein nicht befriedigt werden kann, sondern erst einmal nur durch das Hören. Und wie in Deutschland gibt es auch in Syrien diese Nischen, die immer wieder entdeckt oder rehabilitiert werden, nachdem sie an Wert verloren hatten. Was mit dem Auge erfassbar ist, genügt nicht. Das Hören bietet einen besonderen Genuss und so kehren meine Landsleute auch immer wieder zu ihrer früheren Kunst zurück. Die Computer- Handy- und Internetwelt, das ist alles in Syrien genau so wie hier.

Geben Sie die Tradition des Erzählens an andere weiter?

R.S: Ich versuche es. Am Anfang, Mitte der siebziger Jahre, wurde ich in Deutschland dafür ausgelacht, aber ich habe stets die These vertreten: Auch die Deutschen hören zu, wenn man ihnen spannende Geschichten erzählt! Heute lacht man nicht mehr, wir erleben schließlich einen Hörbuch-Boom. Durch die Tatsache, dass ich seit 30 Jahren meine Geschichten mündlich vortrage, ermuntere ich auch andere AutorInnen. Ich höre immer wieder, dass auch andere diesen Schritt gehen, um Menschen den Genuss des Zuhörens zu bieten. Ich versuche, meinen Sohn zum Erzählen zu ermuntern, er ist bereits ein wunderbarer Erzähler, ich versuche, ihm zu zeigen, wo eine Geschichte beginnt, aus dem Rahmen zu fallen, oder langweilig zu werden, mehr kann ich nicht tun, das muss aus ihm herauskommen.

Wie und wann ist die Idee zu „Die dunkle Seite der Liebe“ entstanden?

R.S: Nach diesem tragischen Fall 1962, wo eine muslimische Frau umgebracht worden ist, weil sie sich in einen Christen verliebt hat. Allerdings war damals mein technisches Können noch nicht so weit, ich brauchte fast 30 Jahre, um diese Idee zu einem Roman zu machen. Ich musste viele Recherchen unternehmen, viel lernen und vor allem brauchte ich sehr viel Geduld, denn manchmal braucht ein Kapitel Zeit. An einigen saß ich drei Jahre und am Ende waren sie vielleicht 20 Seiten lang! Aber mit diesen 20 Seiten war ich dann zufrieden.

Wie viel Autobiographisches steckt in dem Titel?

R.S: Viel, aber das ist keine Geschichte über Rafik Schami! Vieles, was in Farid steckt, finde ich auch in mir. Er hat mit anderen Widrigkeiten zu kämpfen, genießt dafür aber auch Vorteile, die ich nie kannte. Ich saß nie im Gefängnis, dafür hat er etwas reichere Eltern, die ihm erlauben, ohne viel zu arbeiten, ins Ausland zu gehen. Das hatte ich nicht, ich musste alles selber verdienen. Wie Farid habe ich im Untergrund gearbeitet. Außerdem kenne ich wie er die verbotene Liebe. Er hat das Glück, dass seine Geliebte viel mutiger ist. Meine Jugendliebe hat am Ende doch ihrer Familie gehorcht und einen reichen Mann geheiratet.

Was für eine traurige Geschichte!

R.S: Es ist schon eine traurige Geschichte, aber immerhin haben sich die Helden meiner Geschichte, Farid und Rana, ein Happy End, ein Leben im Ausland, erkämpft.

Kann man ihre Beziehung zu Ihrer Mutter, von der Sie einmal sagten, sie habe Sie stets unterstützt, mit der zwischen Farid und seiner Mutter Claire vergleichen?

R.S: Das kann man! Meine Mutter ist das Vorbild für Claire. Absolut. Das ist hier noch deutlicher, als der Vergleich zwischen Farid und mir. Claire und meine Mutter sind fast identisch. Das gilt aber nicht für Elias (Farids Vater) und meinen Vater!

Welche Rolle spielt Ihre syrische Herkunft heute für Sie?

R.S: Komischerweise wird sie mit den Jahren immer wichtiger für mich. Vor einigen Jahrzehnten war mir Syrien noch vollkommen egal. Genau so gut hätte ich eine Beziehung zum Senegal aufbauen können. Aber je älter man wird, desto mehr meldet sich der Ursprung, der Ort der Kindheit. Heute merke ich, wie sehr mir daran liegt, dass die Demokratie in Syrien sich durchsetzt und dass die Vorgänge im Libanon wie ein Dominoeffekt benachbarte Länder anstecken. So merke ich, wie Syrien immer wichtiger für mich wird.

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation in Syrien?

R.S: Bei uns herrscht eine Diktatur, die nur verbrannte Erde hinterlässt. Eine Versöhnung wird nicht möglich sein. Das glaube ich nie im Leben! Als Assads Sohn kam, hat man gehofft, es würde sich etwas ändern. Aber alles, was kam, waren leere Parolen von Demokratisierung. Es war die Rede von der Öffnung von Internetmärkten und anderen oberflächlichen Dingen. Aber dann griff der Geheimdienst durch und schon war es wieder so düster im ganzen Land wie zu Zeiten seines Vaters. Ich glaube, eine Versöhnung ist unmöglich. Dieses Regime muss weg. Auf diesem Boden kann vorerst keine Demokratie gedeihen. Dafür ist die Opposition zu schwach. Sie benötigt die Unterstützung des Auslands, allein kommt sie nicht aus der Misere. Aber mir graut vor einem möglichen Einmarsch der Amerikaner. Wenn sie diesen Schritt gehen, werden sie Vieles zerstören. Es würde, genau wie im Irak, einen Bürgerkrieg entzünden, wo es bis heute nicht gelungen ist, einen Alltag aufzubauen. Ich glaube, wir müssen auf einen langsameren Weg vertrauen. Wir sehen das auch im Libanon, wo das Regime auch mit einem demokratischen Aufstand vertrieben wurde. Heute haben die Geheimdienste ihre Büros geräumt. Das hätte vor 10 Jahren doch niemand für möglich gehalten! Heute sind sie raus.

Also haben Sie Hoffnung?

R.S: Ja. Ich habe große Hoffnung für die Demokratie. Und für die Opposition. Im Moment ist sie sehr schwach, da sie blutig niedergeschlagen wurde.

Wahrscheinlich eine schwierige Frage, aber was sind Ihrer Meinung nach die größten Unterschiede zwischen Syrien und Deutschland?

R.S: Das ist keine schwierige, das ist eine wunderbare Frage. Es gibt verschiedene Wertmaßstäbe, Skalen. In Deutschland steht beispielsweise die Arbeit an erster Stelle. Hier fragt man: Was arbeitest du? In Syrien nicht. In Syrien zählt die Familie, die Sippe. Die Gastfreundschaft steht bei uns ganz oben, zusammen mit Freundschaft und Verwandtschaft. Hier in Deutschland sind diese familiären Werte etwas weiter unten zu finden. Dennoch sind die Deutschen natürlich auf ihre Art auch unglaublich großzügig. So viel zu den verschiedenen Maßstäben. Und deshalb sind die Kulturen nicht gleich. Ich bin gegen diese ewigen Versuche der Gleichmacherei. Dieses Multikulti-Gehabe nervt mich langsam! Wir sind verschieden und wir sollten auch verschieden bleiben. Das ist doch weitaus interessanter, als dieses undefinierbare Wischi-Waschi. Ich liebe die deutsche Demokratie, so sehr sie auch belächelt wurde. Man kann sogar den Kanzler kritisieren ohne eine Entführung fürchten zu müssen. In Syrien haben wir es mit einem Militärregime zu tun. Drittens: Das Wetter in Syrien ist besser als hier. Der Himmel ist blauer. Der Wein schmeckt etwas besser! (lacht), die Gewürze sind etwas deftiger, wie die syrische Küche allgemein. Dafür sind die Deutschen zuverlässiger. Hier weiß man, wann der Bus kommt. In Syrien nicht! Es kann sein, dass den Busfahrer unterwegs der Durst überfällt und er hält auf der Strecke an, um einen Kaffee zu trinken. Das alles klingt lustig, aber wenn Sie einen Termin haben, da stirbt man vor Wut! Dann ist die Familie viel stärker bei uns. Das hat positive aber auch lähmende Einflüsse. Junge Frauen in Syrien haben weniger Freiheiten. In Deutschland lösen sich die jungen Menschen schon mit 18 von ihren Familien. Das hat aber auch eine gewisse Kälte zur Folge – einen Preis, den die Deutschen bezahlen. Schon früh müssen die Kinder alleine auskommen. Bei uns werden die jungen Leute viel länger von der Familie unterstützt, daher sind sie auch nicht so selbstständig. Das alles hat Vor- und Nachteile. Nach so vielen Jahren in Deutschland erkenne ich auch die Nachteile. Sehen Sie sich zum Beispiel die Schulen an! Sie sind doch im Moment in einer Misere sondergleichen. Ein Grund dafür ist, dass Freiheit und Respekt missverstanden wurden. Inzwischen sorgen sich die deutschen Lehrer, dass sie bei den Kindern nicht „ankommen“! Ich meine, in Syrien zittern die Schüler, ob der Lehrer mit ihnen zufrieden ist. Das ist natürlich auch übertrieben. Aber dass deutsche Lehrer heute so opportunistisch sind, dass sie nicht einmal ein längst fälliges Wort sprechen, dass die Klassen sich in ein Chaos verwandeln, in dem auch Gewalttaten nicht auszuschließen sind, ohne dass die Lehrer reagieren, macht mir schon Sorgen. Freiheit und Demokratie sind wunderbare Werte. Aber man muss dafür sorgen, dass sie wehrhaft bleiben! Wozu 300 Prozesse, um den Nazis zu verbieten, am Brandenburger Tor zu marschieren? Was soll das? Ihre Vorgänger haben in der Geschichte Völker vernichtet. Hier heißt es: Nein, das kann das Gericht nicht so einfach verbieten. Warum nicht? Worauf warten wir? Soll es noch einmal zu 6 Millionen Morden kommen? Sollen wieder unzählige Städte zerstört werden? Das ist zu feige.

Aber Sie fühlen sich dennoch wohl in Deutschland?

R.S: Sehr! Sehr. Deutschland hat mir eine Sprache geschenkt. Es hat mir den Zugang zu 23 weiteren Sprachen geschenkt. Ohne dieses Land wäre das nicht möglich gewesen. Deutschland hat mir eine neue Heimat gegeben und mir meine Zunge befreit. Ohne dieses Exil hätte ich den Roman nicht geschrieben. Das hätte ich nie gekonnt. In Syrien hätte das für mich Gefängnis oder den Tod bedeutet. Deutschland hat mir das erlaubt. Ich verdanke das diesem Land. Und vergessen Sie nicht: Mein deutsches Publikum trägt mich seit 25 Jahren. Auf meinen Lesereisen sind alle Veranstaltungen ausverkauft. Alle! Und schon Wochen vorher! Das alles passiert in diesem Land!

Am Ende des Romans stellen Sie fest, dass kein Tag vergeht, an dem Sie nicht an Damaskus denken. Würden Sie gerne wieder in Syrien leben?

R.S: Nein. In einem Lied sagt der Dichter: Wenn du gehst, nimmst du deine Schlafstatt mit. Kehre nicht zurück, denn dein Platz wird besetzt sein. Da ist schon etwas Wahres dran. Ich habe alles mitgenommen. Jetzt, nach dem Tod meiner Eltern, habe ich noch weniger Beziehungen zu dem Land. Ich würde aber gerne einmal meiner Frau und meinem Sohn die Orte meiner Kindheit zeigen. Dort einige Urlaubswochen verbringen. Aber Deutschland ist ohne Frage meine neue Heimat. Hier ist meine deutsche Frau, hier ist mein Sohn, der sich selbst als „Pfälzer Bub“ betrachtet. Das ist seine Entscheidung und ich akzeptiere und liebe das! Er kann arabisch, er kann Deutsch, er lernt Englisch Latein und Griechisch und ist ein deutscher Junge mit arabischem Vater.

Engagiert sich Deutschland Ihrer Ansicht nach genügend für Ihr Land oder auch für den Konflikt im Nahen Osten?

R.S: Nein. Mein Urteil dazu ist negativ. Der Westen ist sehr opportunistisch. So lange das Erdöl fließt, machen sich nur wenige sensible Menschen Gedanken darüber, wer wen entführt, wer durch wen unterdrückt wird. So hätte Europa auch im Irak-Konflikt eingreifen müssen. Der Einmarsch der Amerikaner hat praktisch vor unserer Haustür stattgefunden. Europa hätte reagieren müssen. So wurde das irakische Volk Saddam Hussein, seinen Folterknechten und seinem Giftgas überlassen. Frankreich hat sich dort am Atomalptraum dumm und dämlich verdient. Und das für einen Mörder, einen Massenmörder, der in Halabscha die Kurden vergiftet hat! Mit europäischem Gift. Und das ist das, was ich den Europäern immer wieder sage: Sie müssen aufwachen! Die Araber müssen ihr Erdöl verkaufen. Da brauchen wir nicht opportunistisch zu sein. Sie können ihr Erdöl nicht trinken. So viel Opportunismus ist einfach nicht gut. Schröder besucht die arabischen Länder und liefert wieder Waffen und dann veranstaltet er in Berlin irgendwelche Seminare und Kongresse für den Frieden. Das ist nicht in Ordnung. Erinnern wir uns, wie wunderbar der Westen Osteuropa gegenüber gehandelt hat. Ohne Westeuropa wären die osteuropäischen Staaten bis heute unter dem Joch der Diktatur. Mit Frankreich, Italien, Spanien und Griechenland haben die Europäer direkte Übergänge nach Arabien. Das bedeutet, alles, was in Damaskus, Beirut oder Bagdad passiert, wird langfristig auch hier Konsequenzen haben.

Die Amerikaner und mit ihnen Großbritannien setzen auf Gewalt und sie rechnen mit langem zermürbenden Krieg an dessen Ende sie als Sieger da stehen. Europa muss friedlich handeln, das ist die Stärke dieses Kontinents. Frankreich hat großen Einfluss, Deutschland ist mit Frankreich befreundet und so können beide Staaten gemeinsam einen Kern für die erste Einflussnahme bilden.

Dennoch moralisieren Sie nicht. Wie schwer fällt Ihnen das angesichts der Tatsache, dass viele Deutsche sich über viele Probleme Ihres Heimatlandes gar nicht bewusst sind?

R.S: Das ist die schönste Frage, die mir je jemand gestellt hat! Denn das war der allerschwierigste Punkt. 900 Seiten auf Moral zu verzichten, wo jede Zeile danach schreit. Jede Zeile! Aber der Romancier ist nicht gut beraten, wenn er moralisiert. Das kann ich im Interview machen: „Bitte, liebes Europa, mischt euch doch ein! Hört auf mit der Heuchelei, ihr Herrscher in Europa. Liefert nicht Waffen, sondern investiert in die Demokratie, in die Rundfunkanstalten, damit die Opposition kämpfen kann. Wir brauchen eine Menge dieser freien Sender. Darum bitte ich. Aber das kann ich in Interviews, in Essays, in Versammlungen, aber in einem Roman darf ich das nicht. Das war die allerschlimmste Gefahr: zu predigen. Für mich galt: Lass Farid Mensch bleiben, mit all seinen Schwächen. So zum Beispiel, dass er eine Nebenbeziehung zu seiner Cousine aufbaut. Das war doch eindeutig ein Augenblick der Schwäche, mit Champagner und allem drum und dran. Und Laila ist so eine attraktive Frau, die immer eine körperliche Beziehung zu ihm suchte. Und Rana ist mit ihrem Mann weit weg… Das kann passieren! Wenn ich solche Aspekte ausgelassen hätte, hätte ich moralisiert. Farid hätte dann einen heiligen Schein.

Herr Schami, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview wurde im Rahmen der audiobooks cologne im März 2005 aufgenommen