Liebling, ich bau dir eine Burg

IMG_3779.JPG„Da kommt sie.“ Wilhelms Hände wurden feucht, sein Herz fing an zu rasen. Das tat es immer, wenn seine Angebetete samstags die Heppenheimer Fußgängerzone in Richtung Wochenmarkt lief. Dort hatte er einen kleinen Stand, in dem er selbstgemachten Honig und selbstgekelterten Wein von seinem Weinberg verkaufte. „Wie schön sie heute in ihrem grünen Samtkleid aussieht.“ Das dachte nicht nur Wilhelm, auch alle anderen Besucher des Wochenmarktes drehten sich nach dieser groß gewachsenen, korpulenten und selbstbewussten Frau um. In ihrem bis zum Boden reichenden Gewand sah sie aus, als wäre sie mit H. G. Wells Zeitmaschine direkt aus dem Mittelalter ins Jahr 2003 gereist. Mit ihrem Weidenkorb in der linken Hand machte sie am Stand gegenüber Halt, um sich beim Italiener mit verschiedenen Antipasti einzudecken. Meist ging sie direkt weiter zum Gemüsestand. Doch, heute drehte sie sich auf dem Absatz um und kam zu Wilhelm.
„Guten Tag, haben Sie Bergblütenhonig?“, fragte sie und schaute sich die verschiedenen Gläser, die Wilhelm liebevoll jeweils sortenweise zu einer Pyramide aufgebaut hatte, an.
„Klar! Das heißt, nein, nein, habe ich nicht“, stotterte Wilhelm, der froh war, dass er überhaupt einen Ton sagen konnte, ob ihres betörenden Aussehens.
„Was jetzt, ja oder nein?“, fauchte sie ihn an. Wilhelm wurde es heiß, seine Hände waren jetzt nicht mehr feucht, sie waren nass, auf seiner hohen Stirn bildeten sich die ersten Schweißperlen. Wie schön sie war mit ihrem blondgelockten langen Haar, welches sie heute kunstvoll hochgesteckt hatte.
„Nein, ich, also ich habe Kleehonig, Landhonig, Buchweizenhonig und Waldhonig. Und natürlich Wildblütenhonig. Ja, Wildblütenhonig. Der wird übrigens sehr gerne gekauft“, erwiderte er mit einem schüchternen Lächeln auf seinem sonnengebräunten Gesicht.
„Das interessiert mich nicht, ob der gerne gekauft wird, ich will Bergblütenhonig oder keinen.“
Mit diesen Worten drehte sie sich schwungvoll um und lief weiter in Richtung Marktmitte.
„Hallo? Ich kann Ihnen den Honig bis nächste Woche besorgen, wenn Sie möchten“, rief er ihr hinterher. Sie blieb stehen, drehte sich langsam um und schaute ihn prüfend an.
„So, besorgen können Sie mir den?“ Wilhelm nickte eifrig, „gut, ich komme nächste Woche wieder. Und wehe, Sie haben den nicht da. Ich lasse mich nämlich nicht gerne verschaukeln“. Wilhelm schüttelte kräftig den Kopf, lächelte wieder verlegen. Mit einer energischen Drehung ging sie weiter. Wilhelm ballte die Fäuste und presste ein: „Yes!“ hervor. Am liebsten wollte er jetzt einen Siegestanz aufführen, doch dafür war sein Holzstand zu klein. Also setzte er sich genügsam auf seinen kleinen Schemel und lächelte in sich hinein. Sie würde nächste Woche wieder kommen. Zu ihm! Ob er sie dann zu einem Tee einladen könnte? Eigentlich war das doch so etwas wie eine Verabredung, ein Date. Träumend saß er auf seinem Schemel und nahm die anderen Leute, die auf den Wochenmarkt strömten, nicht mehr wahr. Nach kurzer Zeit schüttelte er verdrossen den Kopf. „So ein Blödsinn, ein Date! Sie will Bergblütenhonig und sonst nichts, schon gar nicht von dir. Mein Gott, die Frau weiß was sie will und das bist bestimmt nicht du mit deinen einhundertachtundsechzig Zentimeter Lebendgröße. Sie ist mindestens zwanzig Zentimeter größer. Vergiss es also ganz schnell.“ Traurig nahm er seinen Notizblock zur Hand und notierte: Bergblütenhonig besorgen.

Am nächsten Samstag baute Wilhelm seinen Stand früh am Morgen auf. Es war minus drei Grad Celsius, doch das störte den Naturburschen nicht. Beharrlich wartete er auf seine blonde Schönheit. Vier Stunden später kam sie die Fußgängerzone herauf gelaufen. Heute trug sie ein Gewand aus rotem Brokat mit Goldverzierungen an den Ärmeln und am Halsausschnitt. Ihr Haar trug sie offen. Wilhelm sprang von seinem Schemel auf und zählte jeden ihrer Schritte. Noch zehn, noch acht, noch sechs, noch vier, noch zwei. Wilhelm stand stramm in seiner Holzbox. Doch, was tat sie da? Sie ging an ihm vorüber! Wilhelm schaute ihr entsetzt hinterher, brachte aber keinen Ton heraus. Er konnte es nicht fassen. Sie war tatsächlich an ihm vorbei gelaufen. Noch nicht einmal rüber geschaut hatte sie. Enttäuscht ließ er sich auf seinen Schemel zurückfallen. Hatte sie ihn vergessen? Und was ist jetzt mit dem Honig? Wilhelm ließ den Kopf hängen. Schlagartig hatte er keine Lust mehr, seinen Stand an diesem Tag länger offen zu lassen. Langsam packte er seine Honigpyramiden zurück in die Transportkisten. Jetzt stand nur noch das Glas Bergblütenhonig auf seinem Verkaufstresen. Einsam und verlassen. „Vielleicht kommt sie auf dem Rückweg vorbei. Zwanzig Minuten warte ich noch, wenn sie bis dahin nicht kommt, gehe ich.“

Er wartete. Dreißig Minuten waren verstrichen, vierzig Minuten. Jetzt stand er lustlos auf, packte das Glas zu den anderen Honiggläsern in den Transportkorb, schloss den Klappladen und verriegelte die Standtür. Mit gesenktem Kopf lief er über den Markt. Sein Ziel war der Bioladen am Ende der Fußgängerzone. Dort würde er erst einmal einen wärmenden Tee trinken. Martin und Detlef, die beiden Betreiber des Bioladens, würden ihn bestimmt auf andere Gedanken bringen.

„Hallo Wilhelm“, ertönte im Gleichklang die Begrüßung der beiden, als Wilhelm den Laden betrat. „Hallo“, erwiderte er leise und setzte sich an den mittleren der drei kleinen runden Tische, die links im Verkaufsraum des Bioladens standen. „Na, wie geht es dir? Wie liefen die Geschäfte heute auf dem Markt? Hast du viel Honig verkauft?“
„Nein, gar nicht. Kein einziges Glas ging heute über den Tresen.“ „Hm, nächste Woche wird es besser laufen, Kopf hoch Süßer, das wird schon wieder“, sagte Martin aufmunternd und mit einem zuversichtlichen Lächeln auf dem Gesicht. Die beiden, Martin und Detlef, waren ein Paar. Wilhelm verstand sich gut mit ihnen, aber er hasste es, wenn sie »Süßer« zu ihm sagten. Aber heute war ihm das egal. „Mach mir bitte einen Pfefferminztee“, sagte er verdrossen. „Kommt sofort.“ Schon verschwand Martin mit einem eleganten Hüftschwung hinter der Theke. Da kam Detlef zu ihm an den Tisch. „Na, was ist los, du siehst niedergeschlagen aus.“
„Ach nichts ist los, lass mich in Ruhe.“
„Na komm, mir kannst du es doch sagen, wir sind doch Freunde! Und vielleicht kann ich dir helfen. Komm spuck es aus.“
Die Türglocke erklang schrill, als eine blonde Diva, scheinbar direkt dem Mittelalter entsprungen, den Bioladen betrat. Forschen Schrittes marschierte sie ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen auf den Tresen zu und raunte Martin an:
„Haben Sie Bergblütenhonig? Ich hatte den Honig bei dem Typ vom Wochenmarkt vorbestellt, aber sein Stand ist heute zu! Wozu baut der den erst auf, wenn er ihn nicht aufmacht? Versteh ich nicht. Also Leute gibt’s. Und? Haben Sie Bergblütenhonig?“, beendete sie ihren Redeschwall. Drei Augenpaare waren auf sie gerichtet. Keiner der Dreien sagte etwas. Wilhelm wurde es heiß. „Junger Mann, warum schauen Sie mich an, als sei ich ein Gespenst? Hab ich mich undeutlich ausgedrückt? Bergblütenhonig“, buchstabierte sie in Martins Richtung, „haben Sie Bergblütenhonig?“ Martin antwortete: „Klar, wir haben Bergblütenhonig.“ Noch während er das aussprach, lief er zu dem Regal, in dem die verschiedenen Honigsorten aufgereiht standen. Er griff nach einem Glas, ging zurück zum Tresen, stellte den Honig darauf und fragte: „Darf es noch etwas sein?“ Das Burgfräulein schaute sich im Laden um und erblickte Wilhelm, der deutlich bemüht war, unsichtbar zu werden. „Da schau an. Da sitzt er, der Typ vom Wochenmarkt. Ja, ist denn das die Möglichkeit!“
Sie kam zu ihm, rückte den leeren Stuhl zurück und setzte sich zu ihm an den Tisch. „Warum war Ihr Stand heute nicht auf? Sie hatten gesagt, dass Sie mir den Honig besorgen würden? Aber so kommt es halt. Jetzt habe ich ihn hier gekauft. Wer nicht ist zur rechten Zeit…“
„Möchten Sie einen Tee?“, unterbrach sie Detlef. „Einen Pfefferminztee vielleicht?“ Wilhelms Gesicht hatte mittlerweile die rote Farbe ihres Gewandes angenommen. Er konnte es nicht glauben, träumte er? Oder saß er tatsächlich mit seiner Angebeteten an einem Tisch?
„Das ist eine gute Idee bei der Kälte. Einen Pfefferminztee nehme ich gerne.“
„Und Sie?“, sie wendete sich wieder Wilhelm zu, „jetzt sagen Sie schon, warum haben Sie heute nicht aufgehabt wie versprochen?“ „Ich hatte auf! Seit sieben Uhr in der Früh schon hatte ich auf. Aber die Geschäfte liefen heute nicht gut und mir war kalt und“, sie beendete seinen Satz mit den Worten „und da haben Sie sich gedacht, mach ich mir doch lieber einen Faulen im Bioladen. Na das kann nichts mit Ihrem Stand werden, bei so einer Arbeitseinstellung!“ Martin und Detlef servierten den Tee und brachten gleich noch zwei Tassen für sich mit. Sie zogen zwei Stühle vom Nachbartisch hinzu und schon saßen sie zu viert an dem kleinen runden Tisch. Wilhelm saß der blonden Dame gegenüber. Schnell hatten Detlef und Martin sie in Beschlag genommen. Kurze Zeit später waren sie in ein Gespräch vertieft, an dem sich Wilhelm nur wenig beteiligte. Vielmehr konnte er seine Augen nicht von ihren knallroten Lippen abwenden. Sie waren so schön, so voll, so lieblich geformt. Wie es wohl wäre, sie zu küssen? Er stützte sein Kinn in seine linke Hand und schaute sie verliebt an. Sie aber registrierte die anhimmelnden Augen nicht. Vielmehr genoss sie es, im Mittelpunkt zu stehen und beantwortete gerne all die Fragen, die ihr Detlef und Martin wie mit einem Maschinengewehr abgefeuert, stellten. „Warum ich solch ein Gewand trage? Na, ratet mal, Jungs.“
„Ist in einem Nachbarort ein mittelalterlicher Markt?“, fragte Martin. „Nein“, sagte sie. „Leider nicht. Aber ich will euch nicht lange auf die Folter spannen. Ich bin Schriftstellerin“, schmetterte sie ariengleich in den Raum. Martin, Detlef und Wilhelm schauten sie erwartungsvoll an. Aber sie sagte nichts weiter. Sie erwiderte nur ihren Blick mit hochmütig gerecktem Kopf. „Okay“, murmelte Detlef, „aber das erklärt nicht das Gewand, oder?“ Er kannte keinen Schriftsteller, konnte sich aber nicht vorstellen, dass alle in solchen Gewändern herumlaufen würden. „Na, Jungs, das kann doch nicht so schwer sein! Ich schreibe historische Romane und um mich besser in diese Zeit versetzen zu können, trage ich solche Gewänder“, dröhnte es aus ihrem Mund.
„Mhm, Okay, und hilft das denn? Ich meine, welche Bücher haben Sie schon veröffentlicht?“
„Bisher noch keins“, gestand sie kleinlaut, „so ein Gewand reicht nicht aus für die richtige Inspiration.“ Ihr Blick wanderte in die Ferne. „Ich bräuchte eine echte Burg, in der ich schreiben könnte, eine Burg hoch oben auf einem Berg, von Weingärten umzäunt – das wäre der ideale Ort, um einen historischen Roman zu schreiben.“
„Wir haben doch die Starkenburg! Oben auf dem Schlossberg!“, rief Daniel aus. „Ach Jungelchen, da war ich schon. Ich habe angefragt, ob ich in eine Kammer einziehen dürfte. Aber der Herbergsvater hat es abgelehnt, hat mich eine „närrische Hexe“ genannt und mich vom Burghof gejagt.“
„Stimmt, da ist eine Jugendherberge in der Burg“, murmelte Detlef. „Ein Traum wäre das schon gewesen. Naja, und jetzt warte ich auf ein Wunder.“ Da blitzte in Wilhelms Gehirn eine Idee auf. „Ich bau ihr eine Burg“, dachte er. „Na klar, das ist es. Ich baue ihr auf meinem Wingert eine eigene Burg. Dort kann sie schreiben und hat einen herrlichen Blick ins Tal. Wenn ihr das nicht die notwendige Inspiration verleiht, dann weiß ich auch nicht.“

Neun Jahre später.

Zwei Spitztürme streckten stolz ihre Dächer in den Himmel. Ein Vorratshaus, ein kleiner Hühnerstall mit drei roten Türchen, eine Rundbogenbrücke, ein großzügiger Burghof, eine gemauerte Bank, und natürlich eine massive Burgmauer mit Schießscharten vollendeten das Bauwerk. Wilhelm hatte den Lehm, den er mit Reisig vermengt für die Wände verarbeitete, dem Weinberg abgetrotzt, die Ziegel, Fenster und Klappläden hatte er sich aus Bauschutt in mühsamer Kleinarbeit zusammengesucht und liebevoll in die Burg eingearbeitet. Einer der beiden Türme war zwar noch nicht mit Ziegeln gedeckt, da fehlte ihm das Material, aber das machte nichts. Sie sollte in den anderen Turm einziehen. Sie hatten sich seit der Begegnung im Bioladen vor neun Jahren besser kennengelernt und trafen sich seit dem regelmäßig nach dem Wochenmarkt im Bioladen auf einen Tee. Nun war die Stunde der Wahrheit gekommen. Am nächsten Samstag würde er sie fragen, ob sie am Nachmittag Zeit hätte. Und dann würde er mit ihr zusammen zu ihrer Burg laufen und er würde mit stolz geschwellter Brust verkünden: Liebling, ich habe dir eine Burg gebaut. Er konnte ihre Reaktion kaum abwarten. Was würde sie für Augen machen! Und vielleicht würde sie endlich begreifen, dass er sie wirklich über alles liebte. Immerhin hatte er die ganzen Jahre täglich an dieser Burg gearbeitet, nur für sie, damit sie endlich ihren Roman würde schreiben können. Ohne Burg, kein Roman. So lautete mittlerweile ihre Devise. „Hallo Mechthild“, begrüßte er seine Angebetete, als sie am nächsten Samstag die Fußgängerzone hinauf auf seinen Honigstand zu lief. „Hallo Wilhelm“, winkte sie ihm zu. „Mechthild, ich würde dir heute Nachmittag gerne etwas zeigen. Hast du Zeit?“
„Ach Wilhelm, du weißt doch, dass ich am Samstag an meinem Manuskript arbeite. Da kann ich nicht. Tut mir leid.“
„Okay, morgen vielleicht?“ Wilhelm schaute sie erwartungsvoll an. „Ich weiß nicht, am Sonntag muss ich mich doch von der schweren Arbeit am Samstag erholen, du kennst das doch auch, oder?“ Wilhelm wurde langsam ungeduldig. Da baute er neun Jahre lang an einer Burg und Madame war zu bequem? Das konnte nicht wahr sein. „Mechthild“, sagte er streng, „ich weiß, du stehst unter enormen Stress. Aber das, was ich dir zeigen möchte, wird dich – es wird dich umhauen! Glaube mir!“ Sie blickte ihn fragend an. Was sollte sie schon umhauen? Sie stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Sie brachte so schnell nichts aus der Ruhe. „Ach, meinst du?“, sagte sie süffisant.
„Ja, meine ich.“
„Also gut, ein Stündchen kann ich entbehren. Aber nicht am Sonntag, am Montag. Okay
„Klar!“, sagte Wilhelm schnell, damit sie es sich nicht noch anders überlegen konnte. „Also abgemacht. Holst du mich ab?“
„Mach ich.“
Wilhelm war nervös. Er fühlte sich, als hätte er Hummeln im Hintern. Das Wochenende verbrachte er komplett auf der Burg. Er kontrollierte nochmals die Treppe, dann die Brücke, anschließend die Fensterläden. Jeder Ziegelstein wurde überprüft. Alles Okay. Die Burg stand da wie eine kleine Festung.

Am Montagnachmittag fuhr er zu Mechthild und holte sie ab. Dieses Mal ward sie in Veilchenblau gewandet und wie immer wunderschön anzusehen. Sie fuhren zum Parkplatz unterhalb der Burg. Dort parkten sie, die restlichen fünfhundert Meter mussten sie zu Fuß gehen. „Was willst du mir hier mitten in der Wildnis zeigen?“, nörgelte sie und ging nur zögerlich weiter.
Die nächste Biegung kam, von hier aus konnte man die Burg erblicken. „Da schau, Mechthild. Ich habe dir eine Burg gebaut!“ Mechthilds Mund öffnete sich. Sie blieb stehen, schaute abwechselnd die Burg und Wilhelm mit ungläubigen Augen an. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein“, krächzte sie. „Doch, die Burg habe ich nur für dich gebaut. Damit du endlich deinen Roman schreiben kannst.“
„Ja, bist denn du wahnsinnig! Du kannst mir doch nicht einfach eine Burg bauen! Du bist ja“ – „wahnsinnig“, beendete Wilhelm den Satz. „Komm“, er nahm sie bei der Hand, „ich zeige dir die Burg von innen.“ Aufgeregt beschleunigte er seinen Schritt. Mechthild hob ihren Rock ein kleines Stück hoch, damit sie den steilen Hang hinauf Schritt halten konnte. Direkt vor der Burg blieb sie erneut staunend stehen. „Unglaublich“, hauchte sie, „noch nie hat ein Mann eine Burg für mich gebaut.“ Wilhelm öffnete das Burgtor und ließ Mechthild den Vortritt. „Darf ich bitten gnädige Frau?“ Sie betrat den Burghof und schaute sich mit offenem Mund und großen Augen um.
„Ach Wilhelm“, seufzte sie, „die Burg ist so wunderschön! Wie hast du das gemacht und wer hat dir geholfen?“
Wilhelm antwortete voller Stolz: „Niemand hat mir geholfen, das habe ich alles alleine gebaut. Neun Jahre habe ich täglich daran gearbeitet, dass du endlich deine Burg bekommst und deinen Roman schreiben kannst.“ Sie lief tiefer in den Burghof hinein und blieb vor dem Linken der beiden Spitztürme stehen. „Darf ich hineingehen?“
„Natürlich, dort oben habe ich dir dein Atelier eingerichtet. Ein Tisch, ein Stuhl und ein Bücherregal habe ich schon hineingestellt.“ Aufgeregt stieg sie die Stufen hinauf und befand sich kurze Zeit später unter dem Dach des Spitzturms im Atelier. Der Turm hatte große Fenster zu allen Seiten, so dass man einen traumhaften Rundumblick hatte. „Wilhelm“, sie drehte sich zu ihm um und lächelte ihn an, „das ist das schönste Geschenk, das ich je bekommen habe. Warum hast du das für mich getan?“ Er kniete sich nieder, holte einen kleinen Reisig-Ring aus seiner Hosentasche, ergriff ihre Hand und sagte feierlich: „Mechthild, seit elf Jahren bin ich wahnsinnig in dich verliebt. Ich weiß, du hast das nie bemerkt und wahrscheinlich hast du mich auch nie als Mann wahrgenommen. Aber du siehst, ich tue alles für dich, alles. Und ich wollte dich heute fragen“, Wilhelm holte tief Luft und nahm all seinen Mut zusammen „möchtest du meine Burgherrin werden?“ Wilhelm zitterte am ganzen Leib, hatte einen purpurroten Kopf und sah sie erwartungsvoll an. Mechthild erwiderte nichts, schaute ihn nur zweifelnd von oben herab an. Dann wanderte ihr Blick aus dem Fenster in Richtung Burghof. „Spinnst du?“, sagte sie. „Du glaubst allen Ernstes, dass du mich mit so einer Bruchburg dazu bringen kannst, dich zu heiraten? Da, schau, das Dach von dem anderen Spitzturm ist nicht gedeckt, die hintere Mauer ist nicht mit Schießscharten versehen und eine Toilette, soweit ich das sehe, gibt es weit und breit kein stilles Örtchen hier. Du glaubst doch nicht wirklich, dass mich solch ein Dilettantismus vom Hocker reist. Vom ersten Eindruck her, ja, da war ich überrascht und überwältigt. Aber einer genaueren Betrachtung hält diese Ruine wahrlich nicht Stand.“ Während Wilhelm sich langsam erhob, stammelte er „aber ich dachte, du wolltest leben wie im Mittelalter, damit du die richtige Inspiration für deinen Roman bekommst.“ Die letzten Worte konnte Mechthild schon nicht mehr hören. Mit eiligen Schritten ging sie die Treppe hinunter, rannte über den Burghof zum Tor und eilte mit wehenden Haaren und flatterndem Gewand von dannen.
Wilhelm schaute ihr vom Spitzturm aus fassungslos hinterher. Eine Weile blieb er unschlüssig stehen, drehte sich anschließend um und lief die Treppe hinunter zum Hühnerstall, in dem er sein Werkzeug aufbewahrte. Er griff sich den Spaten, ging in die hintere linke Ecke des Burghofes und fing an zu graben. „Madame will ein Klo, bitte, dann bekommt sie eben eins!“, brüllte er in die Einsamkeit der anliegenden Weinberge. Wütend rammte er den Spaten wieder und wieder in den lehmigen Boden. Nach ein paar kräftigen Spatenstichen hielt er inne. Er ließ seinen Blick nochmals über den Burghof streifen. Dann nahm er den Spaten hoch und schmiss ihn in hohem Bogen begleitet von einem herzzerreisenden Schrei über die Burgmauer.

Endlich zufrieden mit sich und seiner Burg setzte er sich auf die Steinbank und holte sein Päckchen Tabak heraus. Vom angenehmen Dunst des Samsonrauches umhüllt, betrachtete er mit einem Lächeln auf dem Gesicht den Sonnenuntergang in der weit unten gelegenen Ebene.


Die Handlung und die handelnden Personen dieser Geschichte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.

Impressionen:

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