Ayelet Gundar-Goshen – Löwen wecken

Löwen weckenBeschreibung
Ein Neurochirurg überfährt einen illegalen Einwanderer. Es gibt keine Zeugen, und der Mann wird ohnehin sterben – warum also die Karriere gefährden und den Unfall melden? Doch tags darauf steht die Frau des Opfers vor der Haustür des Arztes und macht ihm einen Vorschlag, der sein geordnetes Leben komplett aus der Bahn wirft. Wie hätte man selbst in einer solchen Situation gehandelt? Diese Frage schwebt über dem Roman, der die Grenzen zwischen Liebe und Hass, Schuld und Vergebung und Gut und Böse meisterhaft auslotet.

Diese ungekürzte Hörbuch-Fassung wird exklusiv von Audible präsentiert und ist ausschließlich im Download erhältlich.

Sprecher
Uve Teschner

Länge
11 h 25 m

Meine Meinung
Dieses Hörbuch empfand ich in zweierlei Hinsicht als ziemlich überraschend. Erstens hatte ich es aufgrund des Klappentextes wie selbstverständlich nach Deutschland verortet. Der Name der Autorin sagte mir nichts. Denn wenn ich sie bereits gekannt hätte, wäre mir klar gewesen, dass diese Geschichte vermutlich eher in Israel und eben nicht in Deutschland spielt. Zweitens fand ich den Sprachstil außergewöhnlich bildhaft, mit Metaphern, die meinen europäischen Ohren ziemlich fremd und doch zugleich sehr faszinierend vorkamen.

Der Inhalt ist oben schon kurz angerissen. Ein klein wenig weiter ausholen möchte ich hier dann doch. Denn die Entscheidung, die Etan in dieser verhängnisvollen Nacht trifft, nämlich den von ihm „überrollten“ Mann – der ein illegal eingewanderter Eritreer ist und dem man aufgrund der schweren Verletzungen sowieso nicht mehr helfen kann – seinem Schicksal zu überlassen und ihn einfach sterbend liegenzulassen, verändert sein Leben vermutlich mehr, als es eine Unfallmeldung je getan hätte. Doch die Folgen treten erst nach und nach immer deutlicher ins Rampenlicht, lassen Etan immer mehr mit seinem Gewissen hadern und letztendlich rudert er mit jeder weiteren Entscheidung, die er im Nachhinein trifft, immer tiefer hinein in einen Morast aus Lügen und Betrug. Doch nicht nur seiner Familie gegenüber, auch sich selbst betrachtet er im Verlauf der Geschichte mit immer größeren Zweifeln, was für ein Mensch er wirklich ist und was für ein Mensch er eigentlich immer sein wollte – und auch jahrelang tatsächlich zu sein glaubte.

Diese innere Zerrissenheit und die Ohnmacht, mit der jetzigen Situation klar zu kommen, treibt ihn schier ans Ende seiner Kraft.

Die zweite sehr wichtige Person in diesem Roman ist Sirkit. Sie ist die Frau des Opfers, die unbemerkt Zeugin des Unglücks wird und ihr der Zufall zu Hilfe kommt, als Etan seine Geldbörse am Unfallort verliert. Sie steht am nächsten Tag mit dem Geldbeutel vor Etans Tür und sagt ihm, dass er diesen wohl verloren habe. Sofort wird Etan klar, dass sie ihn erpressen will. Er soll sich am Abend in einer Autowerkstatt einfinden. Etan überreicht ihr viel Geld, obwohl sie gar nicht nach Geld verlangt hatte. Sirkit nimmt das Geld, doch eigentlich hat sie ganz andere Pläne mit ihm. Denn er ist Arzt, wie sie dank seiner Papiere weiß, und einen Arzt benötigen die illegalen Einwanderer noch dringender als Geld.

Sehr gut hat mir hier die Entwicklung der Geschichte an sich und der beiden Protagonisten gefallen. Z. B. kämpfte jeder seinen eigenen Kampf, gegen das System, gegen sich selbst, doch auch gegen den fremdartigen, gar abstoßenden Anderen, die doch eh alle gleich aussehen. Sowohl Sirkit als auch Etan hatten Probleme, den jeweils Anderen zu erkennen und auch wiederzuerkennen. Denn die gewohnten Erkennungsmerkmale fielen aufgrund der Andersartigkeit in ein dunkles, verschwommenes Loch, in dem alle Eritreer und alle Israelis für den jeweils Anderen gleich aussahen. Dachte ich anfangs noch, dass Sirkit einzig Hilfe für ihr eigenes geschundenes Volk will, so verändert sich diese Sichtweise im Laufe der Geschichte. Auch Etan macht eine glaubhafte Entwicklung durch, immer darauf bedacht, möglichst heil wieder aus dieser vertrackten Situation herauszukommen. Beide winden sich, sträuben sich. Ein turbulentes Magnetspiel, bei dem sich die Pole mal kraftvoll anziehen und sich dann wieder mit voller Wucht abstoßen. Wer hier meint, auf klare Gefühle und  Meinungen zu treffen, der irrt. Und gerade das macht diese Geschichte so glaubhaft und zutiefst menschlich.

Doch auch die Rolle der Ehefrau von Etan hat mir gut gefallen. Denn sie ist Polizistin. Und ausgerechnet sie soll den Unfall mit der Fahrerflucht aufklären. Dass es hier zu Spannungen kommt, kann man sich nur unschwer vorstellen. Doch seine Frau Lait ist auf einer völlig falschen Spur, die aber menschlich und auch von der Handlung her wiederum sehr gut zu verstehen ist. Auch wenn man als Hörer natürlich weiß, wie sich das mit dem Unfall verhielt, so konnte man ihre Schlußfolgerungen letztendlich doch auch verstehen.

Und nun komme ich zum Highlight der Geschichte. Keine Angst, es folgt kein Spoiler. Denn ich will hier einzig von dem grandiosen Sprachstil reden. Ich lauschte hier wirklich gebannt jedem einzelnen Wort. Die Metaphern und Beschreibungen – und davon gab es sehr viele – waren mal blumig, fast schwülstig, dann wieder staubtrocken wie die Wüste, die unseren Schauplatz Be’er Schewa umgibt, dann plötzlich vulgär bis wirklich abstoßend. Hier wurde die ganze Bandbreite der Gefühle und Stimmungen bildlich und sprachlich nuanciert herausgearbeitet. Auch der Satzbau war stellenweise völlig anders, als in den meisten Romanen. Da stockte einem schon aufgrund der einzigartigen Aneinanderreihung der Worte der Atem.

Uve Teschner als Sprecher hat diese sprachlichen Feinheiten mit einem exzellenten  Gespür für Betonung, Dramatik und Satzmelodie gesprochen, dass sich manches Mal bei mir eine leichte Gänsehaut bildete. Einfach genial. Ich möchte fast so weit gehen zu sagen, dass dies bisher die beste Leistung Teschners war – und ich habe schon viele Hörbücher mit ihm als Sprecher gehört.

Wem könnte diese Geschichte gefallen? Nun, da kommt mir doch direkt „I saw a man“ von Owen Sheers in den Sinn. Ähnliche Thematik: Entscheidung ist getroffen, wie lebt man nun damit.

Dieses Hörbuch gehört jedenfalls auf meine Bestenliste.

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Weitere Informationen
Weitere Informationen gibt es bei Audible.de. Und hier geht es direkt zur Hörprobe und zum Hörbuch: Ayelet Gundar-Goshen – Löwen wecken

Anna Grue – Die guten Frauen von Christianssund (Sommerdahls erster Fall)

Die guten Frauen von ChristianssundBeschreibung
„Mord am Fjord“ – der erste Fall für Dan Sommerdahl.

In der beschaulichen Kleinstadt Christianssund, malerisch an einem Fjord gelegen, wird die Putzfrau einer Werbeagentur ermordet. Bei den Ermittlungen stößt Kommissar Flemming Torp auf Schwierigkeiten: Keiner kennt den Nachnamen der Frau. Torp zieht seinen Jugendfreund, den Werbefachmann Dan Sommerdahl hinzu, der nach einem Burn-out seiner Branche eigentlich den Rücken kehren wollte. Doch daraus wird nun nichts. Und während er gemeinsam mit Torp den Mörder jagt, muss Sommerdahl feststellen, dass seine Frau und der Kommissar sich viel zu erzählen haben…

Sprecher
Dietmar Wunder

Länge
6 h 31 m

Meine Meinung
Ein Krimi mit einem Ermittler und einem Werbefachmann als Kollegen. Eigentlich sind der Kommissar Flemming Torp und der Werbefachmann Dan Sommerdahl Freunde. Doch in diesem ersten Fall tritt Sommerdahl als Werbefachmann in den Hintergrund und fungiert vielmehr ebenfalls als Ermittler. Nicht ganz freiwillig. Aber die Tote wird in seiner Agentur gefunden und somit ist er natürlich direkt betroffen.

Der Krimi besticht durch sein flottes Tempo, was aber natürlich auch daran liegen kann, dass es gekürzt ist. Manch seltsame Sprünge ergeben sich dadurch, die man aber durchaus verkraften kann und der Story an sich nicht schaden. Es gibt in diesem Krimi sehr viele Personen, so dass man aufpassen muss wie ein Luchs. Und irgendwie haben alle mehr oder weniger mit dem Fall zu tun. Doch nur einer ist der Mörder. Und diesen zu finden, ist gar nicht so einfach. „Die guten Frauen von Christianssund“ sind schweigsam und arbeiten im Verborgenen. Sie haben nur Gutes im Sinn, alle wollen nur helfen. Und alle tun das mehr oder weniger selbstlos, um die Frauen vor Schlimmerem zu bewahren.

Mir hat dieser Krimi gut gefallen. Er war klug aufgebaut, ließ viel Raum zum Miträtseln und hielt auch mit Gesellschaftskritik nicht hinterm Berg.

Der Sprecher Dietmar Wunder war wie immer wunderbar.

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Weitere Informationen

Weitere Informationen gibt es bei Audible.de. Und hier geht es direkt zur Hörprobe und zum Hörbuch: Anne Grue – Die guten Frauen von Christianssund (Sommerdahls erster Fall)

Siehe auch:

Andreas Winkelmann – Die Zucht

Die ZuchtBeschreibung
Nur fünf Minuten hat Helga Schwabe ihren Sohn aus den Augen gelassen. Und in diesem Moment ist er verschwunden. Als fielen Hauptkommissar Henry Conroy die Ermittlungen in diesem Fall von mutmaßlicher Kindesentführung nicht schon schwer genug, muss er sich auch noch mit einer neuen Kollegin herumschlagen. Vorlaut, frech und selbstbewusst – das ist Manuela Sperling. Aber sie hat einen guten Riecher.

Bald stoßen die beiden auf eine Spur, die zu einem alten Gehöft im Niemandsland an der Grenze zu Tschechien führt, auf dem illegal Hunde gezüchtet werden. Hunde, die Fleisch brauchen, viel Fleisch. Und ihr Züchter besorgt es ihnen, koste es, was es wolle.

Diese ungekürzte Hörbuch-Fassung wird exklusiv von Audible präsentiert und ist ausschließlich im Download erhältlich.

Sprecher
Simon Jäger

Länge
12 h 37 m

Meine Meinung
Anderas Winkelmann gehört für mich zu den besten deutschen Thrillerautoren. Klar, dass ich mir auch „Die Zucht“ anhören wollte.

Vorweg: Für dieses Hörbuch sollte man nicht allzu zimperlich sein, denn es ist ziemlich brutal. Aber davon einmal abgesehen ist es auch eine verzwickte, äußerst spannende und sehr kurzweilige Geschichte. Nicht selten saß ich schlotternd da und lauschte den Ereignissen.

Die Umsetzung des Themas Tierschutz hat mir gut gefallen, die Ausarbeitung des Sub-Bereichs illegaler Welpenhandel war mir ein wenig zu oberflächlich. Und ich habe etwas gelernt. Es gibt eine Hunderasse namens Samojede. Ich gestehe, ich musste erst einmal googlen, um zu wissen, wie sie aussehen. Und da muss ich sagen, hätte ich mir von der Story her ganz andere Hunde vorgestellt. In meiner Vorstellung (bis zur Google-Suche) hatte ich eher in etwa eine Rasse wie Bullterrier oder Dobermänner vor Augen. So kann man sich täuschen.

Die beiden Kommissare Henry Conroy und Manuela Sperling fand ich ein herrlich erquickendes Duo. Ich konnte mir die beiden so richtig gut bildlich vorstellen.

Simon Jäger hat natürlich wieder genial gesprochen. Simon Jäger und ein guter Thriller – und der Abend ist gerettet.

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Weitere Informationen
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Siehe auch: 

 

 

Kristina Ohlsson – Tausendschön

TausendschönBeschreibung
Ein junges Mädchen wird am Mittsommerabend überfallen und vergewaltigt. Fünfzehn Jahre später stirbt ein Mann bei einem Unfall mit Fahrerflucht, doch niemand scheint ihn zu vermissen. Zeitgleich begehen ein Pfarrer und seine Frau Selbstmord. Oder hat es nur den Anschein?

Diese ungekürzte Hörbuch-Fassung wird exklusiv von Audible präsentiert und ist ausschließlich im Download erhältlich.

Sprecher
Uve Teschner

Länge
12 h 29 m

Meine Meinung
„Tausendschön“ fängt furchtbar an. Wird doch gleich ein junges Mädchen vergewaltigt. Davon hört man über ganz lange Zeit nichts mehr. 

Vielmehr geht es um eine totes Pfarrerehepaar, das anscheinend Selbstmord begangen hat. Doch nach und nach kommen Zweifel auf. Währenddessen erfährt man von einer jungen Frau, die in Bangkok sitzt und deren Identität sich zunehmends in Luft aufzulösen scheint. Zunächst weiß die Fluggesellschaft nichts von ihrer Flugbuchung, dann sind alle ihre E-Mail-Postfächer gelöscht und im Hotel erkennt man die junge Frau nicht wieder. Die Eltern sind unerreichbar, der Telefonanschluss existiert nicht mehr. Alles äußerst dubios – und eine furchtbare Vorstellung, wenn man alleine in Bangkok sitzt und keine Möglichkeit mehr sieht, wieder nach Hause zu kommen.

In Schweden überschlagen sich derweil die Ereignisse. Ein Ausländer wird überfahren, ein Banküberfall ereignet sich, ein weiterer illegal eingeschleuster Asylant wird in einer Wohnung festgehalten…

Diese ganzen Ereignisse – und noch einige mehr – haben mich am Anfang ziemlich verwirrt. Aber doch war es interessant genug, um weiterzuhören und nicht zu resignieren. Die „alten Bekannten“ aus Aschenputtel ermitteln an diesem Fall, oder sind es mehrere Fälle? Wieder tragen alle ihre privaten Probleme mehr oder weniger auf der Stirn zur Schau und wieder hätte ich dem Team ab und an gerne auf die Sprünge geholfen.

Insgesamt hat mir „Tausendschön“ ziemlich gut gefallen, aber es war mir ein wenig zu verworren. Hier wurden sämtliche Indizien durch geschicktes Erzählen derart durcheinander gewirbelt, dass ich wirklich meine liebe Mühe hatte, der Story zu folgen. Und erst ganz am Schluss löst sich das ganze Chaos in eine wahnsinns Story auf. Den Plot an sich fand ich somit richtig gut, nur die Erzählweise hat mir nicht ganz so gut gefallen.

Uve Teschner als Sprecher hat wieder seine gewohnt gekonnte Leistung hingelegt. Es war ein wahrer Genuss, ihm zuzuhören.

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Weitere Informationen
Weitere Informationen gibt es bei Audible.de. Und hier geht es direkt zur Hörprobe und zum Hörbuch: Kristina Ohlsson – Tausendschön

Siehe auch: 

Frederik-Bergmann-Reihe:

Matin-Benner-Reihe (zweiteilige Serie):